Kolumne:

Die Verarmung unserer Sprache

Wenn ein ganzes Land nur noch "rast"

Es gibt Wörter, die schleichen sich nicht ein - sie erobern. "Rasen" ist so eines. Seit gut zwanzig Jahren ist es das Schweizer Taschenmesser der Verkehrsmeldungen. Egal ob jemand 5 km/h zu schnell fährt, ob er die Kurve schneidet, ob er schlicht unaufmerksam war - in der Presse rast er.

Früher, ja früher, da konnte man noch unterscheiden. Da fuhr jemand zügig, übermütig, leichtsinnig, ungebremst, mit überhöhter Geschwindigkeit, mit Bleifuß, wie der Teufel, wie ein Henker, wie ein Gestochener. Redakteure hatten ein Repertoire, kein Reizwort.

Heute dagegen: Ein Verb für alles. Ein sprachlicher Einheitsbrei, der klingt wie ein schlecht gewürzter Fertigeintopf.

Was ist passiert?
Die Sprache ist nicht verarmt, weil wir keine Worte mehr hätten. Sie ist verarmt, weil wir keine Zeit mehr haben.

Redaktionen sind ausgedünnt wie ein Sommerregen. Texte müssen schneller raus als früher, Klickzahlen zählen mehr als Stil. Und "rasen" ist ein Wort, das Alarm schlägt, ohne dass man erklären muss. Es ist die journalistische Instant-Emotion.

Dazu kommt: Wir leben in einer Ära der Vereinfachung. Komplexität gilt als Zumutung. Differenzierung als Risiko. Nuancen als Luxus.

Also wird verdichtet, verkürzt, verknappt - bis nur noch Schlagworte übrig bleiben. Sprache wird nicht mehr gestaltet, sie wird verwaltet.

Der eigentliche Auslöser?
Es ist die Mischung aus drei Entwicklungen:
  Ökonomischer Druck: Weniger Personal, mehr Output. Kreativität kostet Zeit. Zeit kostet Geld.
  Digitalisierung: Online-Texte müssen sofort funktionieren. Ein starkes Verb schlägt jede feine Formulierung.
  Angst vor Fehlern: Je präziser man beschreibt, desto angreifbarer wird man. "Rasen" ist juristisch weich, aber emotional hart. Perfekt für eine risikoscheue Branche.


Und wir Leser?
Wir haben uns daran gewöhnt. Wir nehmen die sprachliche Diät hin wie Kantinenessen: nicht gut, aber schnell, warm und verfügbar.

Dabei wäre es so einfach, die Sprache wieder zu öffnen. Wieder zu beschreiben, statt zu alarmieren. Wieder zu erzählen, statt zu etikettieren.

Denn eine Gesellschaft, die nur noch ein Wort für viele Dinge hat, verliert nicht nur Stil. Sie verliert Wahrnehmung. Und irgendwann auch die Fähigkeit, Unterschiede zu erkennen.

Autobahn

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Quelle: albert46 mit digitale Begleitung / 14. Juni 2026